Positive Einstellung zur Rundfunkgebühr

Rönnhaidbrücke, 2020-02-18 (JNL)

Die letzten zwei Wochen habe ich leider mal wieder mehr oder weniger im Krankenhaus verbracht. Das war hoffentlich das letzte Mal für absehbare Zeit! Eine nützliche und durchaus spannende Begleiterscheinung dieser Aufenthalte ist, dass sie mich aus meiner üblichen sozialen Bubble und Komfortzone herausholen. Diskussionen mit Mitpatient_innen, Pflegepersonal, Ärzt_innen und Taxifahrern haben meinen Horizont doch erheblich erweitert und schärfen den Blick für die Probleme, die wir in unserer durch Medien geprägten Demokratie haben – und natürlich im Gesundheitssystem, aber das ist ein anderes Thema.

Dieses Mal hatte ich intensive Diskussionen über die Rundfunkgebühr. Anstoß bot eine sehr skurrile Taxifahrt in der mich der Fahrer zunächst bat, das 4-Ohren-Modell zu erläutern, und dann wissen wollte, „was ich über Einstellung denke“. Abgesehen davon, dass ich mir ein bisschen vorkam wie in einer mündlichen Abschlussprüfung im Bachelor Kommunikationspsychologie war das ja mal eine erfrischende Unterhaltung. – In der Regel bekomme ich auf Taxifahrten nämlich vor allem Tipps, wie sich mein Gesundheitszustand verbessern lässt: Etwa durch Cannabis, Chilli oder das tägliche abendliche Trinken einer Kurkuma-Milch (bäh!).

Also, was ist eine Einstellung? Eine Einstellung äußert sich darin, dass ein bestimmtes Objekt (der Einstellungsgegenstand) mit einem gewissen Grad positiv oder negativ bewertet wird. Eine Einstellung ist grundsätzlich stabil, aber dennoch wandelbar (wen das genauer interessiert, der kann in meiner Diss ab Seite 105 nachlesen :P). Als ich das gerade erläutert hatte hält das Taxi an einer Kreuzung neben oben gezeigtem Graffiti. Der Fahrer nimmt diese als Beispiel und sagt erfreut „Ah! Das ist eine negative Einstellung zur GEZ! – Finde ich auch nicht gut.“ Ich sage, „Stimmt!“ und dass es die GEZ (= Gebühren-Einzugs-Zentrale) ja gar nicht mehr gibt. „Aber wir müssen das trotzdem noch bezahlen! Auch wenn man gar nichts guckt!“ bekomme ich direkt darauf erwidert. Dieses Scheinargument kann ich direkt entlarven. Schließlich sprudelt zu unserer mittlerweile sehr angeregten Diskussion im Hintergrund der Deutschlandfunk aus dem Lautsprecher. Aber selbst, wenn man wirklich gar keine öffentlich-rechtlichen Sender anschaut, erläutere ich weiter, profitiert man von einem öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem, wenn es stützt die freiheitliche Grundordnung. Ein unabhängiger Rundfunk, der in der Lage ist frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen zu agieren ist ein hohes Gut. Leider verpassen wir gerade in diesem Moment die Einfahrt zu unserem Haus und die Taxifahrt ist zu Ende. Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt dennoch deutlich machen können.

Zugegeben, eine positive Einstellung zur Rundfunkgebühr hat sich bei mir erst im Laufe der Zeit entwickelt. Als ich eine arme kleine Azubine mit wenig Einkommen und ohne Verständnis für unser Mediensystem war, hatte ich die noch nicht. Medienbildung war damals noch ein Fremdwort und sicherlich sehr abhängig von einzelnen Lehrpersonen. Zudem gab es damals auch wirklich noch die GEZ, deren agieren mir wie eine Art Geheimpolizei vorkam. Ich finde das ist heute mit der Haushaltsabgabe viel besser geregelt, auch wenn da sicherlich noch was geht.

Die Diskussion über die Rundfunkgebühr kam später nochmal auf, als ich einer Mitpatientin von meiner interessanten Taxifahrt erzählte. Auch hier wurde mir als erstes entgegnet, dass sie eigentlich auch eher gegen Rundfunkgebühren sei. Als weiteres Argument wurde gebracht, dass so viel Geld für Sport ausgegeben wird und dass sie das persönlich nicht interessiert. Mich auch nicht. Und tatsächlich kann man ja darüber streiten, wofür der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein Geld ausgeben sollte und ob z.B. immer mehr Sender oder sehr teure aber reichweitenstarke Fussballrechte wirklich notwendig sind. Das ist unabhängig davon, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk eine grundsätzlich tolle Erfindung ist. Und man kann sich ja vorstellen, dass die eigenen Rundfunkgebühren eben nicht für Bundesliga, den Tatort oder Musikantenstadl sondern für Regionalfernsehen, den Deutschlandfunk, die Küchenschlacht, FUNK oder was auch immer ausgegeben werden. Ich denke, dass jeder sich hier verorten kann. Und selbst wenn nicht, profitiert er/sie noch von einer Gesellschaft mit unabhängigen Medien.

Abschluss dieses zweiten Gesprächs bildete ein Satz, der noch einmal aufs schärfste verdeutlicht, warum ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk so wichtig ist: „Na wenn du dich soviel damit beschäftigst, dann kennst du bestimmt auch diesen Bernd Höcker.“ Bernd Höcker ist ein Deutscher Autor, der sich in den vergangenen 2 Jahrzehnten durch eine Kampagne gegen die GEZ (Veröffentlichung im Kopp Verlag) ausgezeichnet hat, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Ich habe mich persönlich noch nicht mit ihm beschäftigt, warum auch? Er ist nicht zu verwechseln mit Björn Höcke, aber natürlich fordert auch die AfD die Abschaffung der Rundfunkgebühr. Solche Forderungen und Vorstöße sind schließlich funktional, wenn man von Desinformaion lebt und ein demokratisches System destabilisieren möchte. Letzte traurige Nachricht, die ins Bild passt: Boris Johnson geht in UK mittlerweile massiv gegen die Gebühren für die BBC vor. Es ist ein Wahnsinn und unvorstellbar, was das UK damit aufgeben würde.

Mich beängstigt, dass gerade die Abschaffung der Rundfunkgebühr als Einfallstor für rechte Ideologie und möglicherweise für Wahlentscheidungen genutzt wird. Das ist zynisch und bitter. Liebe Leute: Wenn solche Forderungen von rechts kommen – und man geht damit dacor –, dann muss man doch mal ernsthaft seine eigene Einstellung hinterfragen. Geht es denen, die Kampagnen gegen eine zugegebenermaßen auf den ersten Blick unliebsame Gebühr die jeder bezahlen soll tatsächlich nur um die Entlastung der Portmonnaies von Bürgern die kein Fernsehen schauen? – Einstellung ist ja zum Glück ein wandelbares Konstrukt, siehe oben.

Medienbildung ist so wichtig. Nicht nur in der Schule, auch in der frühkindlichen Bildung und vor allem auch im Erwachsenenalter, denn wir haben bereits viel versäumt. In einem weiteren Zusammenhang sind gerade wir Kommunikationswissenschaftler_innen gefragt, unsere Forschungsfelder sowie unser tun und handeln wirklich sehr viel mehr zu erklären. Dazu gehört auch zu erläutern, dass wir uns unsere Einstellungen und Meinungen eben nicht ausdenken, sondern, dass unsere Überzeugungen auf wissenschaftlichem Handeln begründet ist. Öffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiges Thema für Wissenschaftler_innen geworden, dem bisher zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Es wird zu wenig darauf vorbereitet und es wird zu wenig incentiviert (z. B. in Berufungsverfahren). Dabei ist es so wichtig, dass wir diesen Arbeitsbereich vorantreiben und neue Wege erschließen um gesellschaftliche Gruppen zu erreichen, die wir vorher nicht erreicht haben.

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